Dreaming Murakami

Das literarische Übersetzen ist eine einsame, zeitaufwendige Tätigkeit, ständig begleitet von der Frage ihres Verhältnisses zum Original. In jedem Wort lauert das Scheitern seiner Übertragung. Die Komplexität dieser Tätigkeit macht sie zum beliebten Thema von Linguisten und Philosophen, das Interesse eines breiteren Publikums findet sie eher selten. Dem jungen Filmemacher Nitesh Anjaan ist nun ein Film über das Übersetzen geglückt, der beim Copenhagen International Documentary Festival zum Publikumsliebling wurde. Dreaming Murakami ist das Portrait der Übersetzerin Mette Holm, die seit fast 20 Jahren die Bücher Haruki Murakamis ins Dänische überträgt.

Anjaans Zugang ist spielerisch: im Film kreuzen sich seine eigenen Vorstellungswelten mit denen der Übersetzerin und manchmal treffen sie sich an einem der wundersamen japanischen Drehorte - Bars und Restaurants, die wie Grenzorte zwischen Traum und Wachen wirken. Immer wieder stapft ein Riesenfrosch, der einer Erzählung Murakamis entstammt, durch den Film. Als Geist des Autors, als das Alter Ego der Übersetzerin oder des Filmemachers? Vor allem ist er ein Gesandter aus der Welt Murakamis, in die Mette Holm abtauchen muss, um ihr Satz für Satz die Übersetzung zu entringen. Der Kampf um einen einzigen Satz aus Murakamis frühem Roman Wenn der Wind singt zieht sich als roter Faden durch den Film. Seine Übersetzung am Ende liest sich wie ein augenzwinkernder Kommentar: „There’s no such thing as perfect writing – just like there’s no such thing as perfect despair.”

(ab)

Nitesh Anjaan

Nitesh Anjaan, geboren in Kopenhagen, ist Autor und Filmemacher. Seine Karriere als Regisseur nahm erstmals Form an, als er das Verlangen seines Vaters nach Indien zurückzukehren in Far From Home (2014) filmisch festhielt. Ohne vorherige Erfahrung gelang es Anjaan, einen konfrontativen und tiemempfundenen Dokumentarfilm zu fertigen, der ihm den höchsten Preis für Debütfilme beim Mumbai Film Festival und einen Platz an Dänemarks nationaler Filmschule einbrachte - wo er aktuell studiert. Anjaans zweite Dokumentation kombiniert seine Liebe für Literatur und Film. Dreaming Murakami feierte im letzten Jahr Premiere bei IDFA und folgt der dänischen Übersetzerin von Murakamis Büchern, Mette Holm. Dabei richtet der Film seinen Blick auf die unterbewertete Kunst der Literaturübersetzung. Dreaming Murakami war der 2018 meistgesehene Film bei CPH:DOX und in der engsten Auswahl des Publikums von Filmen mit mittlerer Länge bei Hot Docs in Toronto. Anjaan verfasste ebenfalls den Roman Kind of Blue (2016).