Garry Winogrand: All Things are Photographable

„Heutzutage hassen sich viele Menschen, wollen die Bilder ihrer Welt kontrollieren wie mit einer Photoshop Brille. Garrys Bilder dagegen feiern das Un-Inszenierte, das Un-Perfekte.“
So würdigt Mad Men Erfinder Matthew Weiner in Freyers Künstlerportrait jenen Foto-Poeten, der von den späten Fünfzigern bis in die frühen Achtziger ein enzyklopädisches Portrait Amerikas mit all seinem Pathos und seinen Konflikten schuf. Die anfangs verspottete Schnappschuss-Ästhetik seiner „Street Photography“ wurde zur universalen dokumentarischen Bildsprache.

Neben Fotos, privatem Super 8 Material und einem erlesenen Aufgebot von Weggefährtinnen und Kunsthistorikerinnen, integriert Freyer unveröffentlichte Tonaufnahmen von Vorträgen, um sich dem früh verstorbenen Fotografen zu nähern. Gerade diese zeigen den obsessiven Flaneur als einen instinktiven und tiefsinnigen Denker, dessen proletarischer Akzent die raue Kindheit auf den Straßen der Bronx stets gegenwärtig erhält.

Den Aufstieg und Fall Winogrands begleiteten seit den 70er Jahren Sexismusvorwürfe. Freyer beleuchtet die Schattenseiten des Fotografen aus einer aufgeklärt feministischen Perspektive. In seinem Spagat zwischen Machokünstler und Familienmensch erkennt sie die ungelösten Widersprüche amerikanischer Männlichkeit.
Das Spätwerk des manisch fotografierenden Winogrand umfasst 10.000 (!) unentwickelte Filmrollen. Freyers vielschichtiger Film erschließt dieses im Wortsinn unformatierte, epochale Erbe erstmals für das Kino.

(sh)

Sasha Waters Freyer

Geboren 1968 in Brooklyn, macht Sasha Waters Freyer Dokumentarfilme über Außenseiter, Eigenbrödler und Alltagsradikalisten. Ausgebildet als Fotografin und in der Dokumentarfilm-tradition, verbindet sie Original- und Found Footage auf 16mm Film und Video. Vergangene Projekte wurden beim Telluride Film Festival, der Film Society of Lincoln Center, Tribeca Film Festival, Big Sky Film Festival, Havana Film Festival, Videoex Film Festival, Ann Arbour Film Festival, IMAGES in Toronto, dem National Museum for Women in the Arts, dem Museum of Moving Image in New York, Union Docs, The Pacific Film Archive, dem L.A. Film Forum, den Recontres Internationales Paris/Berlin, dem Sundance Kanal und im internationalen Fernsehen gezeigt. Sie hat den Lehrstuhl des Instituts für Fotografie und Film der Virginia Commonwealth University inne, der renommiertesten öffentlichen Hochschule für Kunst in den USA.