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Zeughauskino Berlin
10.09.–12.10.2014

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Outro Sertão

Der brasilianische Schriftsteller João Guimarães Rosa wurde 1938 als Diplomat nach Hamburg entsendet. Der Dokumentarfilm Outro Sertão von Adriana Jacobsen und Soraia Vilela zeichnet die vierjährige Episode eines Lebens zwischen Beruf und Berufung nach, die in Deutschland vollkommen vergessen ist. Als „unterirdisch“ beschreibt der 1908 in Minas Gerais geborene Rosa seine Arbeit als Vizekonsul. Rosa schätzte die deutsche Literatur und Sprache sehr. Der Alltag in Nazideutschland ernüchterte ihn nach seiner Ankunft rasch: „Die Leute hier sind arm und konservativ. Sie interessierten sich kaum mehr als für gepanzerte Autos und Bomber“, schreibt er in seinen tagebuchartigen Aufzeichnungen, die im Film zitiert werden. Aufgeteilt in sieben Kapitel, entsteht so das Porträt eines „teilnehmenden“ Beobachters: Zusammen mit Aracy de Carvalho, die er im Konsulat kennenlernt und die seine zweite Frau werden sollte, half er Juden, nach Brasilien auszureisen – in einer Zeit, in der die diktatorische Getúlio Vargas-Regierung schon keine mehr ins Land lassen wollte. Archivaufnahmen, oft von Amateuren, deren Bildsprache diametral zur heroischen Naziästhetik steht, ein bislang unveröffentlichtes Interview mit dem Literaturkritiker Walter Höllerer und Aussagen von überlebenden Juden werden zu einer unaufgeregt subtilen Collage verwoben. Rosas Erfahrungen in Deutschland, so eine These des Films, haben sich in seinem Hauptwerk „Grande Sertão: Veredas“ (1956) niedergeschlagen. Den Schrecken des Zweiten Weltkrieges versetzte der Schriftsteller ins brasilianische Hinterland. Seine Hauptfigur, der Jagunço Riobaldo, ist eine Art Faust des Sertãos, wie Rosa im Film sagt, ein Alter Ego des Diplomaten, der anders als dieser offene Konfrontationen nicht meiden muss, sondern einfach die Pistole zog.

Adriana Jacobsen

Die Filmregisseurin und Rechercheurin Adriana Jacobsen schloss ihr Studium der Sprach- und Literaturwissenschaften an der Universidade Federal do Espírito Santo mit einem Bachelor und das Studium der Kommunikationswissenschaften an der Freien Universität Berlin mit einem Master ab. Sie führte bei den Kurzfilmen Casamento Pomerano und Borum Regie und ist Dozentin für audiovisuelle Mittel an der Deutsche Welle Akademie in Mosambik. Sie arbeitet zurzeit an einem Kurzfilm über die bayrischen Prinzessin Therese, die Brasilien auf der Suche nach dem Naturmenschen bereiste. Adriana lebt in Brasilien und Deutschland.

Soraia Vilela

Soraia Vilela ist Filmemacherin, Journalistin und Übersetzerin. Sie studierte Kommunikationswissenschaften an der Universität PUC-Minas Gerais und Kulturwissenschaften, Theaterwissenschaften/kulturelle Kommunikation an der Humboldt-Universität zu Berlin, wo sie ihre Magisterarbeit über den griechischen Regisseur Theo Angelopoulos schrieb. Sie arbeitete mehrere Jahre für die brasilianische Redaktion der Deutschen Welle und ist für das Goethe-Institut in Brasilien als Webredakteurin und Mitarbeiterin an Kulturprojekten tätig. Sie lebt zurzeit in Belo Horizonte.